Immer wieder werde ich gefragt: „Sag mal, warum werden eigentlich so viele Leute immer wieder was gefragt?“ Dann sage ich: „Das ist etwas, was mich schon lange beschäftigt.“
Der Zauber von Einstiegsfloskeln, irgendwas zwischen nichtssagend und bedeutungslos. Wenn einem mal wieder partout nicht einfällt, wie man seinen Blogbeitrag, Social Media Post oder LinkedIn-Kommentar beginnen soll, müssen Phrasen herhalten. Der verflixte erste Satz aber auch. Mit ihm kämpft jeder Autor. Besser ist es, ihn erst mal auszulassen oder einen Platzhalter zu schreiben. Selbst wenn der Einstieg einmal steht, wird bis zum Schluss daran gefeilt. Bestenfalls schreibt man einfach drauf los. Irgendwann trifft einen schon der kreative Blitz.
Oder man trifft auf die KI und ihr dürftiges Repertoire an immer wiederkehrenden Floskeln – wie eben „Immer wieder werde ich gefragt“. Floskeln sind schön gefällig. Sie ersparen einem das lästige Nachdenken, was ja auch die Königsdisziplin der Künstlichen Intelligenz ist. Cognitive Offloading gleich im ersten Satz.
Die hohlen Phrasen der Maschine helfen nicht nur bei Einfalls- oder Sprachlosigkeit. Im (für den Leser) schlimmsten Fall sollen sie überhaupt erst die nötige Relevanz erzeugen. Heißt konkret, eigentlich hat der Verfasser nichts zu sagen, das aber will er möglichst wirkungsvoll tun. Die nötige Legitimation für das Nichts liefern dann verschiedene Adaptionen des Themas „oft gefragt“ wie etwa „Folgende Frage höre ich immer wieder:“ oder „In letzter Zeit werde ich häufig gefragt:“ Alternativ funktionieren auch „Eine Frage, die mich gerade besonders beschäftigt:“ oder „Darüber denke ich gerade viel nach:“.
Blättert man in den Kommentaren oder Beiträgen fleißiger KI-Nutzer zurück, erstaunt es, wie unglaublich gefragt und beschäftigt manche doch sind. Da werden die Worthülsen zum regelmäßigen Aufmacher für jede Form von Meinungsbeitrag. Gleichzeitig verleihen sie einem den Nimbus, ein schlauer und reflektierter Mensch zu sein. „Ich werde oft gefragt“ – augenscheinlich holen sich andere also gerne Rat bei mir ein. „Was mich schon lange beschäftigt“ – und offensichtlich kann ich mich mit bestimmten Dingen länger als 10 Minuten beschäftigen. In einer Welt sich stetig verkürzender Aufmerksamkeitsspannen ist das geradezu eine Tugend. Respekt!
Wie alles bei KI hat es auch Einstiegsfloskeln schon früher gegeben. Kein Wunder, denn auch Einfallslosigkeit und Denkfaulheit sind keine Phänomene der sprachmaschinellen Neuzeit. Die Mutter aller Retro-Einstiege lautet „XY ist in aller Munde“. Ein Satz, der alles legitimieren soll, faktisch aber nichts aussagt. Es ist die journalistische Wild Card, um jedes Thema an den Mann oder die Frau zu bringen. Gerne auch genutzt in PR und Marketing. So liest man vor allem in Pressemitteilungen Aufmacher wie „Flanschmuffen sind in aller Munde“ oder „Umweltverschmutzung ist in aller Munde“
Ob nun professionell oder privat, wer heutzutage mit den Worthülsen der KI einen Text aufmacht, signalisiert dem Leser gleich zu Beginn: Hier schreibt die KI. In spätestens zwei oder drei Absätzen folgt dann mit großer Zuverlässigkeit, wo sich eine Debatte gerade verschiebt, dass wir genau hier vielleicht die falschen Schlüsse ziehen oder wie die eigentliche Frage lautet – Business Bullshit 2.0. Doch immerhin, wenn einem die KI schon im ersten Satz als Co- oder Hauptautorin angekündigt wird, hat man wenigstens die Chance, gleich wieder auszusteigen. Das ist fair. Denn es spart dem Leser wertvolle Lebenszeit.
