Die Wirkung von KI auf unsere Sprache hat fast schon biblisches Ausmaß – ein Pfingstwunder quasi, nur in umgekehrter Richtung. Als hätte der Heilige Geist sich über die Menschen ergossen und würden sie danach nur noch in einer Sprache sprechen.
Pragmatisch betrachtet stimmt das auch, zumindest für die, die das Schreiben an KI ausgelagert haben. Was die großen Sprachmodelle neben mittelmäßigen Inhalten zurückspielen, sind schlaue Worte. Wer sich Texte von der KI schreiben lässt, erhält jede Menge Floskeln und Sprachklischees. Es ist die Illusion fachlicher Kompetenz auf der Basis leerer Worte. Passt perfekt in die Zeit. Denn wer hält sich noch mit eigenem Wissen auf? Der Schein war schon immer das Wichtigste, wenn es an fachlicher Substanz und eigenen Inhalten fehlt.
Das Prinzip entspricht dem klassischen Business Bullshit. Nur, dass das Spiel mit dem beruflichen Blendertum längst ausgereizt schien. Heute schalten Mitarbeiter sofort ab, wenn eine Führungskraft mal wieder heiße Luft produziert, die sich beim Entweichen anhört wie: „Durch die ex-ante-Anwendung des Tools erreichen wir in Bezug auf unsere Benchmarks eine Performance-Steigerung, die wir als Herausforderung für die iterativen Reformzyklen antizipieren und entlang unserer Zielvorgaben und Bedürfnisse ausgestalten müssen.“
Alles bekannt. Alles schon gehört. Doch jetzt ist die generative KI da – mit völlig neuen Karten fürs Bullshit-Bingo. Und eigentlich ist es zum Fremdschämen, wie willfährig ihre Floskeln übernommen werden. Kaum ein KI-Prompter, der nicht schon mal ausgeführt hätte, was bei einem Thema die eigentliche Frage ist oder wo genau sich eine Debatte verschiebt. Die Phrasendreschmaschine KI bietet unbegrenzte Möglichkeiten. Hier eine kleine Auswahl:
Fragen über Fragen
- Die eigentliche Frage lautet:
- Was mich an XY nicht loslässt, ist weniger die Antwort als die Frage
- Menschen scheitern immer seltener an fehlenden Antworten – sondern an falschen Fragen.
- Aber genau dadurch wird etwas anderes knapp: die Fähigkeit, die richtige Frage zu stellen.
- In meiner Arbeit fällt mir eher auf, dass eine Frage noch gar nicht gestellt wurde:
- Diese Frage treibt mich schon länger um:
- Das ist keine X-Frage Das ist eine Y-Frage.
- Die Frage ist längst nicht mehr … sondern …
- Ich habe noch keinen fertigen Plan. Aber ich stelle jetzt hoffentlich die richtigen Fragen.
Die wahrscheinlich größte Segnung der KI ist die Frage nach der „eigentlichen Frage“. Wir wissen jetzt immer und zu jedem Thema, was die eigentliche Frage ist. Wie konnte der moderne Mensch überhaupt bestehen, ohne die eigentliche Frage zu kennen? 300.000 Jahre haben Praktiker und Gelehrte nach Antworten auf unzählige Fragen gesucht. Schaut man auf das heutige Wissen, sind sie auch fündig geworden. Doch wie viel weiter wären wir schon, hätte ihnen nur einer gesagt, was die eigentliche Frage ist.
Das erledigen jetzt Hans und Klara Jedermann. Denn die „Ära der eigentlichen Frage“ ist angebrochen. Egal zu welchem Thema, egal wie speziell das Fachgebiet, heute kann jeder in wenigen Minuten herausfinden, was die eigentliche Frage ist. Und das tut er dann auch voller Stolz kund. Fundamentales Weltwissen will geteilt werden. Dass ihm die algorithmische Token-Maschine morgen zum selben Thema eine völlig andere „eigentliche Frage“ ausspuckt und übermorgen wieder eine andere, geschenkt! Worauf es ankommt, sind die fünf Minuten Ruhm im Hier und Jetzt. Und wenn es mal nicht um die eigentliche Frage geht, dann halt um die richtige.
Das gespaltene Ich
- Was mich schon seit langem beschäftigt:
- Was mich nicht loslässt:
- Und ehrlich gesagt, weiß ich nicht …
- Besonders spannend erscheint mir …
- Bemerkenswert finde ich vor allem …
- Also habe ich genauer hingeschaut:
- Und da merkte ich zum ersten Mal:
- Und was ich nicht wusste:
- Genau hier spüre ich:
- Fast täglich werde ich gefragt:
- Ich denke oft an XY.
- Seitdem weiß ich:
Dissoziative Identitätsstörung – anders lässt es sich nicht erklären, wenn erwachsene Menschen sich von Algorithmen vorgeben lassen, was sie vermeintlich gefühlt, gedacht oder gemerkt haben. Und als wenn das nicht schon genug wäre, geben sie einen solchen Quatsch auch noch an andere weiter und erwarten, dass diese ihnen das abnehmen.
Noch mal zum Mitklatschen: Dieser 👏🏼 Bullshit 👏🏼 kommt 👏🏼 direkt 👏🏼 aus 👏🏼 dem 👏🏼 Maschinenraum 👏🏼 der 👏🏼 KI 👏🏼. Hier hat kein Mensch etwas gefühlt und hier hat niemand irgendwo hingeschaut. Wer so etwas als Ausdruck eigener Empfindungen oder Überlegungen ausgibt, verkauft sich und andere für dumm.
Bekenntnisse eines Hochstaplers
- Meine ehrliche Antwort lautet:
- Erst da begriff ich:
- Da gibt es etwas, was mich persönlich nicht mehr loslässt:
- Heute verstehe ich, was ich lange nicht gesehen habe:
- Nach meiner Erfahrung liegt das Problem woanders:
- Und genau darin liegt aus meiner Sicht ein Denkfehler:
- Und vielleicht ist das die wahre Erkenntnis:
- Und ehrlich gesagt:
- Der Punkt, den alle übersehen:
- Weil hier noch keiner genau hingeschaut hat.
Erfahrungen, Sichtweisen, Erkenntnisse – ist es nicht schön, wenn sich jemand so ehrlich macht? Da greifen wir doch direkt zum Taschentuch, wenn ein Mensch seine persönliche Betroffenheit so rührselig zum Ausdruck bringt. So intense. So nahbar. I feel you!
Und ist es nicht toll, wenn jemand erleuchtet ist und als Einziger den Punkt sieht, den die anderen übersehen? Oder wenn er als Einziger dort hinschaut, wo niemand bisher hingeschaut hat? So mutig. So wissend. Meister, wir folgen dir!
Der Newsticker
- Das Besondere:
- Das Problem:
- Fakt ist:
- Klar ist:
- Das kam so:
- Das Entscheidende:
- Was bekannt ist:
- Mein Fazit:
Der Newsticker ist nur echt mit dem Doppelpunkt hinter dem Besonderen, dem Problem oder dem Fazit. Ganze Sätze werden überbewertet. Auf einen Blick lässt sich nun sehen, was wichtig ist und wo es steht. Redakteuren erspart der Newsticker die lästigen Übergänge zwischen einzelnen Absätzen. Der Newsticker ist Sprachreduktion at ist best. Schaut man sich an, wie häufig er schon von einigen Medien genutzt wird, ist das Ziel erkennbar. Künftige Artikel beschränken sich nur noch auf: Wer: … Was: … Wo: … Wann: … Warum: … Wie: …
„Drama, Baby, Drama!“
- Dieses Bild hat mich nie mehr losgelassen.
- Es beginnt oft harmlos:
- Doch genau hier öffnet sich ein Riss.
- Die unbequeme Wahrheit dahinter:
- Worüber niemand spricht:
- Die eigentliche Herausforderung liegt tiefer:
- Die Antworten sind noch unklar. Doch eines ist sicher:
- Was alle übersehen:
Für die großen Sprachmodelle gilt: Eine Nummer kleiner geht nicht. Es muss immer die Schippe mehr sein. Oder, um es mit Bruce Darnell zu sagen: „Drama, Baby, Drama!“ Aber gut so. Denn so erfahren wir auch die unbequeme Wahrheit und wissen endlich, wo sich Risse öffnen – selbst, wenn alles ganz harmlos beginnt.
Philosophie für Dummies
- Und genau das ist der Punkt, an dem sich die Debatte verschiebt.
- Genau darin liegt aus meiner Sicht ein Denkfehler.
- Vielleicht sollten wir gerade deshalb X weniger als Y verstehen – sondern mehr als Z.
- Was mich daran beschäftigt, ist weniger der Einzelfall als das größere Bild.
- Es sind Suchbewegungen, keine Lösungen.
- Und vielleicht ist das offene Eingeständnis dieser Ratlosigkeit ehrlicher und produktiver als jede vorschnelle Lösung.
- Wir befinden uns in einer offenen Schwebephase: Die alten Maßstäbe greifen nicht mehr, die neuen sind noch nicht gefunden.
- Menschen scheitern immer seltener an fehlenden Antworten – sondern an falschen Fragen.
- Aus meiner Sicht entsteht die Schwierigkeit dort, wo niemand mehr den Raum dazwischen gestaltet.
Geschwafel auf Metaebene ist quasi die Kür der KI. Während Antithesen und Dreiklänge zum inhaltlich-fachlichen Pflichtprogramm gehören, bilden Suchbewegungen, größere Bilder oder verschobene Debatten die philosophische Essenz KI-generierter Texte. Hier wird ausgesprochen, was Aristoteles oder Nietzsche nie zu fragen bzw. zu sagen wagten. Welch ein Glück, dass Hans und Klara Jedermann das heute für sie tun. Irgendjemand muss ja den Raum dazwischen gestalten. Und das wollen wir nicht Einrichtungsexpertin Tine Wittler überlassen.
