Neben ihrem reduzierten Stil und den Mainstream-Inhalten liefert uns KI eine Sprache aus dem Holzbaukasten. Hier ein roter Würfel, dort eine blaue Kugel und da ein grünes Dreieck. Formulierungen, die in Form und Farbe schon vorgegeben sind. KI packt sie überall dazu. Und da die Klötzchen so hübsch sind, möchte jeder mit ihnen spielen.
Was im privaten Umfeld zwar nicht minder nervend, aber eben Privatsache ist, hat sich im beruflichen Kontext zum neuen Business Bullshit entwickelt. Wer keine eigene Sprache oder Inhalte hat, schreibt zum Beispiel: „Ich beobachte gerade etwas Faszinierendes“. Was folgt, sind ein Doppelpunkt und besagtes Faszinosum. Das allerdings kann höchstens die KI selbst im Innersten ihres Maschinenraumes beobachtet haben, weil sie es auch ausgespuckt hat. Und während sich ihr Themen-Output von Prompt zu Prompt unterscheidet, bleiben die Formulierungsklötzchen dieselben: rote Würfel, blaue Kugeln, grüne Dreiecke.
In der Realität sehen diese sprachlichen Versatzstücke so aus:
- Das wirklich Verrückte dabei:
- Trotzdem heißt es:
- Ich beobachte gerade etwas Faszinierendes:
- Ich stelle gerade mit Erstaunen fest:
- Und gleichzeitig frage ich mich:
- Trotzdem erlebe ich immer wieder das Gegenteil:
- Was ich nicht wusste:
- Und ehrlich gesagt:
- Klar ist:
- Genau hier wird es spannend:
- Aber dann die Erkenntnis:
- Der Grund dafür:
- Was sich verändert:
- Mein Fazit:
- Die Wahrheit ist:
- Aber die eigentliche Frage dahinter ist doch:
- Vielleicht diskutieren wir gerade die falschen Fragen.
- Aber genau darin liegt oft die Herausforderung.
- Vielleicht ist das der eigentliche Wendepunkt.
- Genau dort entsteht der Unterschied.
- Das Problem ist nicht X, sondern Y.
- usw.
Mal ehrlich, ist es nicht großartig, was KI heute schon leistet? Offensichtlich weiß sie genau, was Menschen sich fragen, was sie erleben oder was sie mit Erstaunen feststellen. Selbst Gefühle kann sie. Eines ihrer stereotypen Versatzstücke lautet zum Beispiel: „Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass sich etwas grundlegend verschoben hat.“ Mit genau diesen Worten erzählt dann Anna, 23, in einem Blogbeitrag von der Trennung ihres Freundes oder berichtet Michael, 62, auf LinkedIn, wie er als Entwicklungsingenieur die disruptiven Veränderungen in der Automobilbranche erlebt hat. Irre, was KI durch nur einen Prompt alles über uns erfährt, oder?
Kognitive Entlastung
Künstliche Intelligenz macht aus Sprache Einheitsbrei. Und dass so viele dankbar zum Löffel greifen und zuschlagen, hat verschiedene Gründe. Manche nutzen KI, um ihre Texte zu verbessern – sagen sie zumindest und so wird es auch gerne propagiert. Das mag vielleicht für Logik und Struktur eines Textes gelten, nicht aber für Sprache und Stil. Diese sind eine zusammengewürfelte Mischung aus den konsumierten Trainingsdaten und KI-typischen Versatzstücken. Jeder gerade Satz, der von uns selbst kommt, ist besser als solche Holzbausteine.
Ein zweiter Grund, dass viele die Worte der großen Sprachmodelle eins zu eins übernehmen, liegt in dem Hype, der um KI gemacht wird. Dieser Hype erzeugt Druck. Medien und selbsternannte KI-Coaches suggerieren uns, wir wären verloren, wenn wir nicht sofort auf den Intelligenz-Zug aufspringen. Also schnell das Prompt-Ticket gelöst und schon geht sie los, die wilde Fahrt. Mit KI-Sprache überladene LinkedIn-Posts künden dann der ganzen Welt: „Schaut her, ich bin zukunftsfähig. Ich habe einen Prompt geschrieben. Ich bin dabei!“
Der Hauptgrund aber, KI förmlich an den Lippen zu kleben, liegt an anderer Stelle: Es geht schlichtweg um Abkürzung. Es geht darum, sich Arbeit zu sparen und der kognitiven Last des Schreibens zu entledigen. Eigene Gedanken zu entwickeln, sie zu strukturieren und in passende Worte zu kleiden, war noch nie ein Breitensport. Warum also im Stadion die volle Runde laufen, wenn es mit KI auch quer über den Rasen geht. Wer sich auf diese Weise Zeit und kognitive Leistung spart, kommt trotzdem ins Ziel. Dass diese Form des Cheatens keinen Trainingseffekt (von wegen bessere Texte und so) hat, ist völlig egal. Denn der wird auch gar nicht angestrebt. Was zählt, ist der schnelle Gewinn. Da fällt mit dem sprachlichen auch gleich der inhaltliche Anspruch und postet z. B. der CEO eines „Full-Service-Anbieters für Zukunftsprojekte“ neben seinem Abbild die profunde Erkenntnis: „Projekte brauchen Wirkung. Nicht Stillstand“. Ach was …
Des KI’sers neue Kleider
Mit den maschinell generierten Sprachgewändern verhält es sich wie mit des Kaisers neuen Kleidern. Wir lassen uns vorgaukeln, KI hätte eine schmucke Sprache, die uns kleidet und anderen gefällt. Willfährig übernehmen wir Wort für Wort. Dass wir mit den Worthülsen der KI aber eigentlich nackt dastehen, sehen wir nicht – oder wir wollen es nicht sehen. Schließlich gibt es genug „Experten“, die uns erklären, dass wir mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz unsere Sprache verbessern könnten. Sie selbst waren ja an den Webstühlen der großen Sprachmodelle, haben sie begutachtet und sich von den Betrügern – Entschuldigung: Webern natürlich – zeigen lassen, wie wertvoll die Stoffe sind, wie ausgefeilt die (Sprach)Muster und wie hübsch die (Klang)Farben.
Wo es den Menschen an Literalität mangelt, haben die Weber leichtes Spiel. Wer dagegen in Sprache geübt ist, weil er sie z. B. beruflich braucht, sollte dem Treiben der Gaukelspieler nicht aufsitzen. Muss er auch nicht. Wenn Sprache nämlich das tägliche Brot ist, sollten die eigenen Worte ausreichen. Und wenn Sprache sogar dem Broterwerb dient, kann einem kein Sprachmodell das Wasser reichen. Sollte man meinen …
Es ist erstaunlich, dass selbst professionell Schreibende scheinbar unreflektiert Texte von KI übernehmen und das auch noch offensiv in schlechtestem KI-Jargon bewerben – ob auf der eigenen Website, in den sozialen Medien oder in Netzwerken wie LinkedIn. Was vermutlich signalisieren soll „Schaut, ich gehe mit der Zeit“, illustriert letztlich nur, wie stark der sprachlich degenerative Einfluss von KI selbst auf die schreibende Zunft ist. Wie etwa bei einem Redenschreiber, der (nach eigenen Angaben auf LinkedIn) für Politik und Führungskräfte schreibt. „Sprache ist mein Werkzeug“ heißt es da in seinem Profil und es folgt ein Erguss von Sprachklischees aus der KI-Hölle:
- Ich habe mich entschieden, nicht wegzuschauen, sondern ganz genau hinzusehen.
- Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass sich etwas grundlegend verschoben hat.
- Es hat mich verunsichert – und gleichzeitig fasziniert.
- Dabei habe ich beobachtet, was besser wird, was schlechter wird und was sich einfach verändert.
- Das Ergebnis ist kein Urteil. Es ist zunächst ein Bild.
Was für eine beeindruckende Visitenkarte, wenn das Profil eines „Sprachprofis“ mit maschinell erzeugten Versatzstücken nur so gepflastert ist.
Hier lohnt auch ein genauerer Blick auf die Formulierungen: Was zunächst wie ein persönliches Bekenntnis wirkt und Autorinnen normalerweise nahbar und authentisch erscheinen lässt, ist KI-Slop vom Feinsten. Die großen Sprachmodelle schaffen keine zwei Absätze, ohne nicht mindestens eine dieser Phrasen bzw. Sprachklischees unter den Text zu mischen. In Wahrheit hat hier weder jemand „genau hingesehen“, noch war dieser jemand von irgendwas „fasziniert“. Einzig die KI hat etwas Floskelhaftes hingeschrieben, was dann ein Mensch als eigene Empfindung ausgibt. Und „grundlegend verschoben“ hat sich dabei nur eines: das Sprachniveau. Nach unten.
Aber was soll man auch machen? Es klingt doch so bedeutungsvoll. Als hätte man sich selbst etwas dabei gedacht oder wäre ganz allein zu einer Erkenntnis gelangt. Stimmt! Wenn sich nur nicht jeder Zweite solche Sätze von der KI in den Mund legen ließe. Da entwertet schon der inflationäre Gebrauch jedes Wort. Darüber hinaus sind Phrasen sprachlicher Ballast. Inhaltlich substanzfrei blähen sie Texte unnötig auf. Für (echte) Schreibprofis heißt es an dieser Stelle: streichen. Andere dagegen integrieren solche Sprachhülsen liebevoll in ihren Wortschatz. Was aber nichts Neues ist. Denn gefloskelt wurde schon immer. Jetzt halt nur mit Hilfe von KI.
Wenn allerdings schon Redenschreiber, Journalistinnen oder Autoren auf das sprachlich reduzierte Niveau von KI zurückfallen, müssen sie sich fragen lassen, mit welch professionellem Anspruch sie überhaupt noch in ihrem Job antreten. Was unterscheidet sie noch von Laien, wenn sie es nicht einmal schaffen, die auffälligen KI-Marker wieder aus „ihren“ Texten zu entfernen? Wenn Dreiklang und Antithese jeden Absatz prägen, ist es für aufgeklärte Leser nur naheliegend, anzunehmen, dass sie gerade einen komplett KI-generierten Text vor sich haben. Für solche Beiträge muss niemand eine Zeitschrift abonnieren. Für derartige Maschinentexte sollte auch niemand einen professionellen Autor oder Redenschreiber bezahlen müssen. Letztlich bekommt man hier – aus der vermeintlich gehobenen Gastronomie – eine Tiefkühlpizza geliefert, die man sich im Supermarkt auch selbst aus der Truhe hätte ziehen können.
Professionelle Bankrotterklärung
Geht es um Sprache, sollten sich gerade Journalistinnen und Autoren klar positionieren. Schließlich sind sie irgendwann mal angetreten, um Menschen verständlich zu informieren. Das Ziel lautet(e): gute und wirksame Kommunikation. Nun aber können sie zuschauen, wie immer mehr Menschen unterkomplexe Inhalte in unterkomplexer Sprache übernehmen und KI ihnen auch noch vorgibt, sie hätten irgendwas „mit Erstaunen festgestellt“ oder „interessiert beobachtet“. Um dann einen so offensichtlichen Bullshit als professionelle Autorin von der KI zu übernehmen oder als Leser auch noch zu glauben, braucht es schon ein gehöriges Maß kognitive Dissonanz. Vielleicht ist es aber auch einfach nur intellektuelle Genügsamkeit. Das Leben ist anstrengend genug.
Wer professionell schreibt, darf und kann sich damit nicht zufrieden geben. Erst recht nicht, wenn es um eigene Texte geht. KI als Co-Autorin mitschreiben zu lassen, heißt, sich fachlich und beruflich das eigene Grab zu schaufeln. Schließlich liefert KI das genaue Gegenteil von Qualitätsjournalismus. Den Dammbruch schlechter (und zugleich nicht gekennzeichneter) KI-Inhalte in den Medien hat es längst gegeben. Den Vogel schießen hier Beiträge ab, die von den negativen Auswirkungen der KI auf den Journalismus berichten, gleichzeitig aber durch ihren schlechten KI-Stil auffallen. Wie etwa der Artikel „Ein Monster namens Künstliche Intelligenz“ aus der TAZ, der Beitrag „Die stille KI-Invasion im Journalismus“ aus „Die Presse“ oder der Übermedien-Beitrag „Wie KI schleichend die Urteilskraft im Journalismus ersetzt“.
Dass der Einfluss von KI (trotz fehlender Hinweise vonseiten der Redaktionen) gut erkennbar ist, liegt an ihrem miserablen Stil. Es liegt aber auch an der Nachlässigkeit bzw. dem Unwillen von Autoren und Schlussredakteuren, den KI-Slop vor der Veröffentlichung zu entfernen. Wenigstens diese Arbeit hätten sie sich machen können. Dass das nicht geschieht und dass hier Profis journalistische Standards derart tief unterlaufen, dafür kann es nur drei Gründe geben: kognitive Dissonanz, Inkompetenz oder Arbeitsverweigerung. Natürlich ließen sich in den Verlagen auch noch „ökonomische Zwänge“ anführen. Qualitätsjournalismus und Berufsethos auf diesem Altar zu opfern, setzt aber einen der anderen Gründe voraus.
Wenn selbst Essays oder Kommentare (also Meinungsbeiträge) zunehmend von KI generiert werden und als solche auch zu erkennen sind, geht das Vertrauen in den Journalismus verloren. Da ist es auch völlig egal, ob ein Redakteur das meiste selbst geschrieben haben will oder eine Gastautorin angibt, nur ergänzende Inhalte mit Hilfe von KI eingefügt zu haben. Wenn es im Beitrag wiederholt heißt „Genau hier wird es spannend …“ oder „Das Problem ist nicht …, sondern …“, dann hat sich die Grenze zwischen menschlicher Kreation und maschineller Texterstellung längst aufgelöst – zugunsten von KI.
Sollten Journalistinnen ihren Lesern dann noch suggerieren, irgendein Thema habe sie selbst „verunsichert, aber gleichzeitig fasziniert“, dann verkaufen sie diese schlichtweg für dumm. Sich von der KI vorgeben zu lassen, wie man hätte fühlen oder denken können, und das auch noch an seine Leserinnen weiterzugeben, ist eine professionelle Bankrotterklärung. Wer dafür bezahlt wird, dass er für andere schreibt, darf sich wirklich mehr einfallen lassen als den Slop, den KI ihm vorgibt. Und wer als Profischreiber glaubt, vorgefertigte Floskeln unbedingt übernehmen zu müssen, sollte diese zumindest beim Thema „KI und Journalismus“ auch beherzigen: „Ich habe mich entschieden, nicht wegzuschauen, sondern ganz genau hinzusehen. Vielleicht ist das der Wendepunkt.
Schön wär`s …
