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Sprache in neuem Gewand

Originalbild von Ivo Kruusamägi

Frei nach Hans Christian Andersen:

Vor vielen Jahren lebte ein Volk, das so ungeheuer viel auf neue Sprachkleider hielt, dass es all sein Geld dafür ausgab, um rhetorisch recht geputzt zu sein. Es kümmerte sich nicht ums Schreiben, es kümmerte sich nicht ums Lesen und liebte es nicht, sich mitzuteilen, außer um sich und seine neuen Kleider zu zeigen. Es hatte ein schlaues Sprüchlein für jede Stunde des Tages.

In dem Land, in dem es wohnte, ging es sehr munter her. Eines Tages kamen Betrüger, die gaben sich als Schriftgelehrte aus und sagten, dass sie die schönsten Worte, die man sich denken könne, zu weben verstanden. Nicht nur, dass deren Farben und Muster ungewöhnlich schön seien. Die Texte, die von diesem Zeuge genäht würden, sollten auch die wunderbare Eigenschaft besitzen, dass sie für alle Menschen hohl und bedeutungslos klängen, die unverzeihlich dumm seien.

„Das wären ja prächtige Texte“, dachte sich das Volk. „Wenn man solche hätte, ließen sich die Klugen von den Dummen unterscheiden!“ So gab es den Betrügern viel Handgeld und Ressourcen, damit sie ihre Arbeit beginnen sollten.

Die stellten auch gleich in jeder Stube Webstühle auf und taten, als ob diese arbeiteten. Doch es war nicht das Geringste auf den Stühlen. Trotzdem verlangten sie viel Geld, viel Energie und vom Volk alle Daten. Sie füllten sich damit die eigenen Taschen und ließen die leeren Webstühle arbeiten bis spät in die Nacht hinein.

„Nun möchten wir doch wissen, wie weit sie mit den Worten sind“, sagten sich die Leute. Aber es war ihnen beklommen zumute, wenn sie daran dachten, dass keiner, der dumm sei, diese sehen und verstehen könne. Also wollten sie erst andere senden, um zu schauen, wie es mit der Arbeit stehe. „Wir schicken unsere besten Zukunfts- und Digitalexperten zu den Webern“, sagte das Volk. „Sie können am besten beurteilen, wie der Sprachstoff sich ausnimmt. Denn sie haben Verstand  und keiner versieht sein Amt besser als sie.“

So gingen die Experten zu den Betrügern, die an den leeren Webstühlen arbeiteten. „Gott behüte uns“, dachten sie und rissen die Augen auf. „Wir können ja nichts erblicken!“ Aber das sagten sie nicht.

Die Betrüger baten sie, näher zu treten und fragten, ob es nicht hübsche Sprachmuster und schöne Klangfarben seien. Dann zeigten sie auf die leeren Stühle, und die armen Experten fuhren fort, die Augen aufzureißen. Aber sie konnten nichts sehen, denn es war nichts da. „Herrgott“, dachten sie, „sollten wir dumm sein? Das haben wir nie geglaubt und das darf kein Mensch wissen! Nein, es geht nicht an, dass wir erzählen, wir könnten das Zeug nicht sehen!“

„Nun, Sie sagen nichts dazu?“, fragte einer der Weber. „Oh, es ist großartig, so zukunftsfähig und digital“, antworteten die Experten und sahen noch genauer hin. „Diese Muster und diese Farben! – Ja, wir werden dem Volk sagen, dass es uns sehr gefällt!“

„Nun, das freut uns“, sagten die Betrüger. Darauf benannten sie die Farben mit Namen und erklärten die seltsamen Muster. Die Experten merkten gut auf, damit sie dasselbe sagen könnten, wenn sie zum Volk zurückkämen. Und das taten sie auch.

Nun verlangten die Betrüger noch mehr Geld, noch mehr Energie und noch mehr Daten zum Weben. Sie steckten alles in die eigene Tasche. Auf den Webstuhl kam kein Faden, aber sie fuhren fort, wie bisher an den leeren Stühlen zu arbeiten.

Das Volk sandte bald wieder tüchtige Leute aus, um zu sehen, wie es mit dem Weben stehe und ob das Zeug bald fertig sei. Es ging diesen aber gerade wie den ersten. Sie guckten und guckten; weil aber außer den Webstühlen nichts da war, konnten sie nichts sehen.

„Ist das nicht ein ganz besonders prächtiges und hübsches Stück Zeug?“ fragten die Betrüger und zeigten und erklärten die prächtigen Muster, die gar nicht da waren.

„Dumm sind wir nicht“, dachten die Experten. „Es ist also unser gutes Amt, zu dem wir nicht taugen. Das wäre seltsam genug, aber das muss man sich nicht anmerken lassen.“ Daher lobten sie das Zeug, das sie nicht sahen, und versicherten ihre Freude über die schönen Farben und die herrlichen Muster. „Ja, es ist ganz allerliebst“, sagten sie zum Volk, „und so zukunftsfähig.“

Nun wollte es ein jeder auch selbst sehen. In Scharen strömten die Menschen an die Webstühle und sahen, wie die listigen Betrüger aus allen Kräften webten, aber ohne Faser oder Faden.

„Ja, ist das nicht prächtig?“, sagten die vielen Digitalberater und Zukunftsexperten und zeigten auf die leeren Webstühle, denn sie glaubten, dass die andern das Zeug wohl sehen könnten.

„Was!“, dachten aber die Leute, „Wir sehen gar nichts! Das ist ja schrecklich! Sind wir dumm? Taugen wir nicht für die Zukunft? Das wäre das Schrecklichste, was uns passieren könnte.“ „Oh, es ist sehr hübsch“, sagten sie also. „Es hat unseren allerhöchsten Beifall!“ Und sie nickten zufrieden und betrachteten die leeren Phrasen. Sie wollten nicht sagen, dass sie nichts sehen und nichts verstehen konnten. Ein jeder sah und sah, aber bekam nicht mehr heraus als all die andern. Und so sagten sie: „Oh, das ist hübsch!“ und beschlossen, die prächtigen Sprachkleider fortan bei jedem Anlass zu tragen.

„Sie scheinen so bedeutsam, gelehrt und zukunftsfähig!“, ging es von Mund zu Mund, und man war allerseits innig erfreut darüber. Die Politik verlieh jedem der Betrüger Macht, Einfluss und ein Ritterkreuz, um es in das Knopfloch zu hängen, und den Titel Zukunftsmacher.

Die Betrüger hoben ihre Arme in die Höhe, gerade, als ob sie etwas hielten, und sagten: „Seht, hier sind eure Sprachkleider, hier sind die Worte, hier sind die Texte! Sie sind leicht wie Worthülsen. Man sollte glauben, man habe nichts im Kopfe, aber das ist gerade die Schönheit dabei! „Ja!“, sagte das Volk, aber es konnte nichts sehen, denn es war nichts da.

Die Leute legten ihre eigene Sprache ab, und die Betrüger stellten sich, als ob sie ihnen Wort für Wort neue Kleider anzogen, die fertig genäht sein sollten, und ein jeder wendete und drehte sich vor dem Spiegel.

„Ei, wie gut sie kleiden, wie herrlich sie sitzen“, sagten alle. „Welche Sprachmuster, welche Klangfarben! Das sind recht kostbare Werke!“ Keiner wollte es sich merken lassen, dass er nichts sah. Denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Keine Worte waren je so zukunftsfähig gewesen wie diese.

„Aber ihr habt ja gar nichts an!“, sagten endlich die jungen Menschen. „Hört die Stimmen der Unschuld!“, sagte ein Vater. Und der eine zischelte dem andern zu, was die Jungen  gesagt hatten.

Das ergriff die Menschen, denn die Jungen schien recht zu haben. Aber sie dachten bei sich: „Nun müssen wir es aushalten.“ Und so hielten sie sich gegenseitig die Schleppen, die gar nicht da waren.