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KI – der Sprachdegenerator

Ohne KI-Kenntnisse bist du abgehängt“, mahnen mit wissendem Blick ausgerechnet diejenigen, die zentrale Fähigkeiten wie Sprache, Kreativität und kritisches Denken zunehmend einer Technologie überlassen. Einer Technologie, die diese Fähigkeiten systembedingt nicht mal beherrscht. Und eine Technologie, die einfacher zu nutzen ist, als jede andere zuvor. Die propagierten „KI-Kenntnisse“ sind überschaubar. Sie erhalten zwar durch den Begriff „Prompten“ einen fast akademischen Nimbus, reduzieren sich aber in der Realität zumeist auf: „Ich stelle der KI mal ne Frage“. Sich auf diese Art einen Text erstellen zu lassen, entspricht kognitiv ungefähr dem Leistungsanspruch von „Malen nach Zahlen“. Und in kreativer Hinsicht hat es die gleiche Qualität.

Sei`s drum, denn den meisten reicht das völlig aus. Warum sollten wir auch kognitive Leistungen ins Erlernen oder Verfeinern von Prompts stecken, wenn KI uns diese Leistungen im ersten Schritt doch erspart hat? Dann hätten wir gleich selbst schreiben können. Auch der inhaltliche Umfang von KI-Output stellt mehr als zufrieden. Was die generativen Sprachmodelle in nur wenigen Minuten ausspucken, übertrifft quantitativ bei weitem das, was wir (in ungleich längerer Zeit) selbst zu Papier gebracht hätten. KI serviert Inhalte, die sich durch „copy and paste“ komplett übernehmen lassen. Da interessiert es auch nicht, ob jeder Aspekt darin wirklich relevant ist. Wann steht man schon mal an einem kostenlosen All-you-can-eat-Buffet, ohne dass jemand zusieht? Da machen wir uns doch gleich den Teller voll.

Auch „optisch“ lässt das Buffet keine Wünsche offen. Ausgewählte Stilelemente sorgen dafür, dass der Text so richtig was hermacht. Noch nie klangen die eigenen Worte bedeutsamer (bzw. das, was wir später als eigene Worte ausgeben). Dafür braucht es gerade mal eine Frage, einen Prompt. Und selbst die gibt es schon in der Denkfrei-Version: Prompt-Kataloge für jede Anwendung zum Download. Warum also nachhaken? Warum die Ausgangsfrage noch differenzieren? Aber falls uns jemand fragt: Klar können wir prompten!

„Prompten“ – was wie das Erlernen einer Fremd- oder Programmiersprache klingt, ist ironischerweise nichts anderes, als der reflektierte Umgang mit Sprache. AI-Literacy braucht Literalität. Wer sich konstruktiv zu einem Thema mit KI auseinandersetzen will, benötigt Text- und Sprachverständnis. Nur so lassen sich die eigenen Texte durch „gute Prompts“ schärfen und entwickeln. Viele sehen in den Sprachmodellen wie Gemini oder Claude aber eher eine Art autonomes Fahrzeug. Einfach das Ziel eingeben und die KI bringt einen bis vor die Haustür. Das aber funktioniert nicht, erst recht nicht bei der Texterstellung.

Man muss sich auch mal die Absurdität vorstellen, die darin steckt, KI für sich schreiben zu lassen. Statt unser eigenes Sprachvermögen zu entwickeln, sollen wir lernen, wie wir einer Maschine eine technische Anweisung geben, damit es letztlich so klingt, als hätten wir ein entwickeltes Sprachvermögen. Wie schräg ist das denn? Selbst wenn wir die ausgefeiltesten Prompts schrieben, ginge diese Rechnung nicht auf. Denn KI ist eine miese Autorin.

Stilistisch ist sie komplett reduziert. Darüber hinaus fehlt ihr alles, was einen Text lebendig und für uns Menschen relevant macht. Sie kann weder kritisch noch logisch denken, weil sie gar nicht denken kann. Sie ist nicht aus sich heraus kreativ, sondern reproduziert nur. Sie hat kein Bewusstsein, keine Gefühle, kein Ethos, keine Moral. Deswegen fehlt ihr auch eine persönliche Meinung oder Haltung zu den Dingen. Sie hat nicht mal eigene Erfahrungen oder eine eigene Geschichte, aus der sie schöpfen könnte. Sie ist eine Maschine, die sogar das Wissen und Verständnis simuliert, das sie zu haben scheint. Denn ihr einziges Maß sind die Token, also Dateneinheiten, in die sie Sprache zerlegt, um sie dann nach mathematischer Wahrscheinlichkeit wieder zusammenzusetzen.

Das ist es also, vor dem wir furchtsam oder ehrfürchtig erstarren. Weshalb uns suggeriert wird, wir würden abgehängt, wenn wir z. B. das Prompten nicht lernen. Dabei ist jeder Gedanke, den wir in eigene Worte fassen, mehr wert als zig Seiten durch Künstliche Intelligenz generierter Output. Denn wovor scheuen wir uns? Das zu tun, was uns als Mensch ureigen ist und was wir durch Gebrauch ständig weiterentwickeln: zu sprechen? Unsere eigenen Worte sind nun mal die, die wir haben – mit allen Unzulänglichkeiten und Fehlern. Sie sind gut, so wie sie sind. Und wenn wir sie nutzen, können wir sie nur verbessern. Überlassen wir sie einer Maschine, degenerieren sie.

Genau da trennt sich die Spreu vom Weizen. Glücklich kann sein, wer seine Sprache noch hat und seine Worte noch findet. Es ist kein Zeichen von Zukunftsfähigkeit, wenn wir KI dafür einsetzen, unsere eigene Meinung auszudrücken. Es zeugt auch von keiner kritischen Reflexion darüber, was Mensch und Maschine eigentlich unterscheidet und was unsere menschliche Kommunikation im Kern ausmacht: Das ist (Überraschung!) unsere eigene Sprache. Sie macht Kommunikation authentisch und menschlich. Nur wenn wir in dem, was wir sagen, auch erkennbar sind, können wir andere Menschen erreichen.

Wir sollten also vielleicht weniger danach streben, ein besserer Prompt Engineer für KI zu werden als ein besserer Prompt Engineer für uns selbst – denn ohne eigene Sprache sind wir irgendwann abgehängt.