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Finde den Buckelwal in dir

Drama in der Ostsee: Ein Buckelwal strandet immer wieder im seichten Wasser der schleswig-holsteinischen und mecklenburgischen Küsten – ein Tier, das eigentlich nicht dorthin gehört. Sein nächster „natürlicher“ Lebensraum ist der Nordatlantik bzw. das Nordpolarmeer. Die Anteilnahme der Menschen ist groß. Die Medien berichten täglich, das Fernsehen liefert Live-Bilder und vor allem in den sozialen Medien fiebern die Menschen mit dem Schicksal des orientierungslosen und geschwächten Meeressäugers.

Doch dann heißt es auf Bluesky, Instagram & Co. auf einmal: „Toll! Großes Mitgefühl für den Wal, aber keines für die Menschen im Iran“ oder „Wenn die Medien mal genauso viel über Gewalt an Frauen berichten würden“ oder „Ihr wisst schon, dass uns gerade die ganze Erde abfackelt?“. Nur drei von (erstaunlich) vielen Kommentaren, die daran erinnern wollen, dass es auf der Welt noch andere Probleme gibt – vermeintlich größere als das Leben eines einzelnen Wales.

Nüchtern betrachtet, mag das stimmen. Aber ebenso nüchtern betrachtet, hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Was lässt sich hier auch gegeneinander aufwiegen? Individuelles Leid mit noch größerem Leid? Individuelle Anteilnahme mit noch größerer Anteilnahme? Oder mediale Aufmerksamkeit mit größerer medialer Aufmerksamkeit? Das alles funktioniert nicht. Jeder Mensch hat Anliegen und Themen (grundsätzliche oder aktuelle), die ihm wichtig sind und die ihm auch zu Herzen gehen. Sie aber ins Feld zu führen, wenn andere Personen bzw. Ereignisse mehr Aufmerksamkeit erhalten, kann nur scheitern. Der Grund dafür: Es ist gegen die menschliche Psyche, es ist gegen unsere Natur.

„Moralischer Whataboutism“

Das Schicksal eines einzigen Wals lässt sich nicht gegen das Schicksal von Kriegsopfern oder Umweltzerstörung und Klimakrise aufwiegen. Das zu tun, ist zunächst mal eine Art „moralischer Whataboutism“. Der Verweis auf andere (vermeintlich größere) Missstände und Krisen dient hier nicht als rhetorisches Ablenkungsmanöver, sondern ist der Versuch, den (vermeintlich verschobenen) moral-ethischen Kompass der anderen wieder zu justieren. Doch schon der Ansatz dazu muss scheitern, weil hier Unvergleichbares miteinander verglichen wird. Der Ansatz übersieht zudem, dass die Strandung von Meeressäugern die direkte Folge viel größerer Krisen ist wie eben des Klimawandels, der Erwärmung der Ozeane und des Zusammenbruchs wichtiger Nahrungsgrundlagen in den Weltmeeren. Die Buckelwal-Strandung ist nur ein exemplarisches Symptom, aber genau deswegen bedeutsam.

Mahnungen wie „Denkt ihr eigentlich auch noch an die Menschen in der Ukraine?“ implizieren schließlich den Vorwurf, als würden wir durch unser Mitgefühl mit einem gestrandeten Buckelwal andere Themen völlig vergessen oder ignorieren. So einfach gestrickt sind Menschen dann doch wieder nicht. Aber wir sind eben, wie wir sind. Und dazu gehört, dass wir emotional besonders stark von dem angesprochen werden, was direkt vor unserer Haustür passiert oder was in Form von Bildern für uns fassbar (und damit nahbar) wird. Bilder erzeugen Emotionen. Und sichtbare Schicksale erzeugen mehr Emotionen als große Opferzahlen in Statistiken oder der medialen Berichterstattung.

>> Ein Buckelwal vor der Küste Kaliforniens (Quelle: Pexels.com) <<

Das Schicksal der Einzelnen

Die menschliche Psyche unterscheidet zwischen Einzelschicksalen und großen Katastrophen – selbst wenn das eine aus dem anderen resultiert. So ist zum Beispiel unser Mitgefühl mit dem gestrandeten Buckelwal um ein Vielfaches größer als unser Mitgefühl mit den 150 Tier- und Pflanzenarten, die jeden Tag für immer von diesem Planeten verschwinden. Letztere sind nur Teil einer Statistik. Damit wir emotional von etwas berührt werden, braucht es aber emotionale Nähe. Und diese Nähe schaffen – neben einer geringen räumlichen Distanz – vor allem Bilder.

Das dahinter steckende Phänomen ist in der Psychologie gut belegt: Wir Menschen sind evolutionär darauf programmiert, auf unmittelbare und emotionale Gefahren zu reagieren – also auf Gefahren, die für uns konkret und greifbar sind. Abstrakte, ferne oder schleichende Ereignisse können wir nur schwer erfassen bzw. verarbeiten. Das zeigt eindrucksvoll die immer noch andauernde Tragödie der Flüchtlinge im Mittelmeer. 2015 ertranken dort fast 3.800 Menschen auf ihrer Flucht nach Europa. 2016 waren es über 5.000. Kein Schicksal hat die Menschen weltweit aber so entsetzt und berührt, wie das des syrischen Jungen Alan Kurdi, der im September 2015 tot an einen Strand bei Bodrum (Türkei) gespült wurde. Das Foto des Dreijährigen wurde zu einem ikonischen Bild der europäischen Flüchtlingskrise.

Dass wir Menschen durch Einzelschicksale derart stark berührt werden, ist alles andere als verwerflich oder ungewöhnlich. Es hat einfache psychologische Gründe:

  • identifiable Victim Effect (Effekt des identifizierbaren Opfers): Wir zeigen viel mehr Mitgefühl und Hilfsbereitschaft für ein einziges, konkretes Individuum, dessen Leiden sichtbar ist als für statistische Opfer oder abstrakte Zahlen. Ein einzelnes Schicksal ist „erzählbar“, eine globale Krise ist eine überwältigende Statistik.
  • psychologische Distanz: Globale Krisen wie der Zusammenbruch der Biodiversität nehmen wir als räumlich, zeitlich oder sozial weit entfernt wahr. Studien zeigen, dass Menschen eher bereit sind, umweltfreundlich zu handeln, wenn sie die Bedrohung als nah und aktuell empfinden. Der Buckelwal schwimmt jetzt und hier vor unserer Küste.
  • emotionale Bindung vs. kognitive Überlastung: Ein Individuum, ob Mensch oder Tier, löst unmittelbare Emotionen aus. Kriege und Artensterben dagegen sind komplex, schleichend und oft auch unsichtbar (wie etwa das Insektensterben). Werden wir mit Zahlen und Fakten dazu konfrontiert, bedeutet das eine kognitive Überlastung. Sie machen uns „psychologisch blind“ für die abstrakten, schleichenden Bedrohungen.
  • wahrgenommene Selbstwirksamkeit (Efficacy): Bei einem gestrandeten Wal haben Menschen das Gefühl, durch direktes Handeln (wie den Wal ins Wasser zurückzuschieben) helfen zu können. Bei Themen wie der globalen Biodiversitätskrise oder dem aktuellen Leid von Kriegsopfern fühlen wir uns hingegen ohnmächtig. Wir erkennen keine direkte Möglichkeit zu handeln, um zum Beispiel einen Krieg zu beenden. Unsere häufigste Strategie heißt deshalb Verdrängung.
  • Medienfokus und „Katastrophenkarussell“: Medien berichten bevorzugt über Einzelschicksale, da sie immer eine emotionale Geschichte erzählen. Das andauernde globale Artensterben ist dagegen nur schwer emotional darzustellen (also auch wenig medienwirksam). Zudem lässt das öffentliche Interesse deutlich nach, sobald ein Ereignis nicht mehr neu ist. Selbst wenn ständig neue Krisenherde oder Katastrophengebiete auf der Welt entstehen, müssen wir uns vor dem (medialen) Dauerfeuer zu Katastrophenthemen schützen. Wir schalten psychisch und emotional ab.

Der gestrandete Buckelwal konkurriert also nicht mit den vielen anderen Krisen und Problemen auf dieser Welt. Wir nehmen einfach nur Anteil an dem, was wir sehen, fühlen und worauf wir unmittelbar reagieren können. Individuelle Schicksale sind für uns greifbar und verständlich. Wir können uns mit dem Glück oder Leid eines einzelnen Menschen (oder Tieres) identifizieren. Globale Krisen oder ferne Kriege sind dagegen Ereignisse, die vornehmlich in den Statistiken und Berichten der Tagesschau stattfinden – während wir uns beim Abendbrot die Butter rüberreichen. Und ja, angesichts des Ausmaßes dieser Katastrophen sollte uns das Abendbrot eigentlich regelmäßig im Halse stecken bleiben. Das tut es aber nicht. Weil wir uns emotional vor dem vielen Leid und Unglück auf dieser Welt schützen und distanzieren müssen. Das ist wichtig, denn dieser Schutz sorgt dafür, dass wir überhaupt noch etwas empfinden – und dass wir nicht an dem vielen Leid verzweifeln, sondern handlungsfähig bleiben.

Die Macht individueller Geschichten

Dass wir mit einem gestrandeten Buckelwal in der Ostsee mitfühlen, ist ein Paradebeispiel für die Wirkmacht von Storytelling. Wer Menschen für etwas gewinnen will, für ein bestimmtes Anliegen oder ein bestimmtes Thema, der sollte auf Zahlen, Daten und Fakten verzichten. Was es braucht, ist eine persönliche Geschichte – eine Geschichte mit einem Protagonisten, einem Helden, der auf eine Reise geht, der sich Gefahren und Herausforderungen stellt, der scheitert, aber weiter kämpft, für sich und für sein Ziel.

Wäre eine Gruppe von 100 Hobbits aus dem Auenland aufgebrochen, um gemeinsam nach planvoller Vorbereitung den Ring zum Schicksalsberg nach Mordor zu bringen, niemand hätte ihre Geschichte auf 1.300 Buchseiten oder über 10 Filmstunden verfolgen wollen. Geht aber der untrainierte und nicht kampferprobte Frodo Beutlin auf die gefahrvolle Reise, fiebern wir bei jedem seiner Schritte mit. Und wäre „Harry Potter“ die Geschichte über das alltägliche Leben in einem Zauberinternat gewesen, hätte sie den Charme und die Spannung einer durchschnittlichen Vorabendserie gehabt. So aber ist sie die „zauberhafte“ Coming-of-Age-Geschichte eines Jungen, die zeigt, dass Freundschaft, Liebe, Mut und Aufopferungsbereitschaft alles Böse besiegen können.

Wir Menschen brauchen eine Projektionsfläche für unsere Ängste, Wünsche und die Bewältigung von Krisen. Das ist der Grund, warum auch Märchen sich auf Einzelschicksale konzentrieren. Ob Schneewittchen oder Hans im Glück, die Hauptfiguren bringen archetypische Erfahrungen, psychologische Entwicklungen und moralische Grundsätze auf eine persönliche, nachvollziehbare Ebene. Wir können uns mit ihnen identifizieren und finden einen emotionalen Anschluss, aus dem wir nachhaltig schöpfen und lernen können. Darüber hinaus „schulen“ wir durch Geschichten unser empathisches Empfinden, unser Mitgefühl mit anderen. Wer also Menschen erreichen und bewegen will, sollte erst nach dem gestrandeten Buckelwal in seiner Geschichte suchen und diese dann erzählen.