Der Kollaps unserer sprachlichen Vielfalt und Kultur – davor warnen Wissenschaftler:innen, sollten die Sprachmuster der KI immer weiter in unsere Alltagssprache vordringen. Die Forscher:innen des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin halten einen solchen Zusammenbruch für ebenso plausibel wie (in seinen Folgen) katastrophal9.
Während in öffentlichen und sozialen Medien über die Apokalypse durch agentische KI spekuliert wird, spielt sich eine stilleres Untergangsszenario bereits im Hintergrund ab: die Mensch-KI-Diffusion (Abb. 1). Je häufiger wir Texte der KI kopieren (und damit einfach deren Formulierungen übernehmen), desto stärker dringen ihre Muster in unsere Sprache vor. Wir übernehmen die reduzierte Ausdrucksweise der großen Sprachmodelle. Dazu gehören die immergleichen Floskeln und Sprachklischees und dazu gehört eine sehr beschränkte Auswahl an rhetorischen Mitteln (die die KI im Übermaß verwendet). Unsere individuelle, eigentlich sehr variantenreiche und lebenslang eingeübte Sprache verarmt. Und das in jedem Bereich.
Die Berliner Wissenschaftler:innen des Forschungsbereichs „Mensch und Maschine“ befürchten, dass nachfolgende Generationen, die mit KI gebildet und ausgebildet werden, das enge sprachliche Repertoire der KI als Standard übernehmen. KI-Slop wird zum neuen Normal. Wer damit aufwächst und so in sein Leben bzw. in seinen Beruf startet, reproduziert fortan von der KI geprägte Texte. Genau diese Texte werden dann wieder von der KI als Trainingsdaten konsumiert. Ein Teufelskreis, der für die großen Sprachmodelle (aufgrund ihrer Arbeitsweise und Architektur) zum sicheren Systemkollaps führt 3,4,7. Uns Menschen könnte dieser geschlossene Rückkopplungskreislauf nach Ansicht der Bildungsforscher direkt in den (sprach)kulturellen Zusammenbruch führen.
Abb. 1: Ein geschlossener Rückkopplungskreislauf zwischen Mensch und KI führt zu einer Mensch-KI-Diffusion: Durch KI angestoßene Verhaltensänderungen können die Online-Daten verändern. Die Daten fließen dann wieder in künftige Modelle ein und verstärken weitere Verhaltensänderungen aufseiten der Menschen. Quelle: „Envisioning Human Communication after Human-AI Diffusion9.
Schon jetzt ist der negative Einfluss der KI deutlich messbar.2, 4, 8, 9 Ihre intensive Nutzung hat bereits zu einer lexikalischen Verschiebung in unserer spontanen Alltagskommunikation geführt. Mit Veröffentlichung von ChatGPT haben von der KI bevorzugte Wörter abrupt zugenommen. Schon eine kurze Interaktion mit einem Chatbot führt dazu, dass wir seine Wortwahl übernehmen.6 Und das nicht nur für kurze Zeit in der jeweiligen Situation. Vielmehr verankern wir die Sprache der Maschine dauerhaft in unserem aktiven Wortschatz – mit all ihren Floskeln und reduzierten Stilelementen.
Wegbereiter für diese sprachliche Verarmung war und ist unser zunehmend digitales Leben. Es trägt dazu bei, dass wir mittlerweile z. B. deutlich weniger sprechen als noch früher: Zwischen 2005 und 2019 hat sich die Zahl der täglich gesprochenen Wörter im Schnitt um 28 Prozent reduziert.6 Die neue Abhängigkeit von der KI minimiert unseren Sprachgebrauch noch weiter. Vor allem im beruflichen und institutionellen Kontext drohen die sprachlichen Muster der KI heute schon zum Standard zu werden. Die Ausdrucksmöglichkeiten im öffentlichen Diskurs verengen sich dadurch immer stärker.9
Den meisten mag das nicht schlimm erscheinen. Manche betrachten die Dreiklänge und Antithesen der KI sogar als stilistische Aufwertung. Und für andere war sprachliche Vielfalt noch nie ein Thema – wobei die Schnittmenge dieser beiden Gruppen groß sein dürfte. Noch größer aber ist die Dimension des drohenden sprachlichen Verfalls durch die KI. Sie geht weit über die sinkende Qualität einzelner Projektberichte oder Unternehmenspublikationen hinaus. So könnten wir zum Beispiel immer mehr die Fähigkeit verlieren, situationsgerecht zu kommunizieren, warnen die Bildungsexpert:innen9.
Kultureller Verlust
Je nach Ort und Anlass sprechen wir unterschiedlich. Unsere Schriftsprache ist eine andere als unsere mündliche. Zuhause sprechen wir nicht so wie im Job und unter Freunden nicht so wie mit Fremden. Je mehr wir uns nun von den Mustern der KI beeinflussen lassen, desto stärker verschwimmen die Grenzen zwischen den sogenannten „Sprachregistern“ – das heißt zwischen Alltagssprache, Bildungssprache, Fachsprache, Standardsprache oder auch Jugendsprache. Ihre Abtrennung aber ist wichtig. Sie ermöglicht es uns, je nach Situation verständlich und wirksam zu kommunizieren. Was in einem Bereich passend ist, ist einem anderen unangemessen. Was im professionellen Kontext gefordert wird, wirkt im privaten Umfeld aufgesetzt. Unsere Fähigkeit, zwischen den einzelnen „Sprachwelten“ zu wechseln, bezeichnen Forschende als Registerkompetenz. Wir erwerben und leben sie von Kindheit an. Übernehmen wir den generischen Jargon der KI, geht diese Kompetenz verloren bzw. wird sie erst gar nicht erworben.
Das hat tiefgreifende Folgen. Denn Sprache ist immer auch Ausdruck sozialer Zugehörigkeit. Sie schafft Identität. Das betrifft regionale Sprachvarianten (z. B. Dialekte) wie auch generationelle Unterschiede (Jugendsprache) oder kulturelle Abweichungen, die sich im Slang verschiedener sozialer Gruppen ausdrücken (z. B. in Subkultur, Social-Media, Gaming, Sport etc.). Wo Sprache als soziales Distinktions- bzw. Verbindungsmerkmal verschwindet, kollabiert unsere Kultur.
In ihrer Studie skizzieren die Berliner Bildungswissenschaftler:innen neben dem (sprach)kulturellen Kollaps noch ein zweites Szenario. Darin beschreiben sie die Möglichkeit, dass Künstliche Intelligenz unsere Sprache nicht vollständig infiltriert, wenn sich bestimmte Gruppen und Institutionen dieser Entwicklung entgegensetzen. Das heißt, Menschen meiden bewusst die maschinellen Muster und fördern gezielt die sprachliche Vielfalt. Dadurch ließe sich nach Ansicht der Wissenschaftler:innen ein (sprach)kultureller Zusammenbruch vermeiden. Allerdings berge dieser Weg das Risiko der Stigmatisierung und Ungleichheit. Wahrscheinlich käme es zu Konflikten zwischen Menschen, die den KI-Jargon übernehmen und Menschen, die ihre sprachliche Selbstständigkeit gegenüber den Maschinen wahren.
Transparenz als Lösung?
Wie kommen wir nun raus aus der Misere? Und welches Szenario ist das bessere bzw. wünschenswertere? Angesichts der Tragweite vor allem des ersten Szenarios erstaunt der Schluss, zu dem die Berliner Wissenschaftler:innen in ihrer Studie kommen. Als probateste Reaktion auf den Zusammenbruch der sprachlichen Vielfalt (und damit verknüpft auch unserer Kultur) fordern sie „mehr Transparenz hinsichtlich des Trainings und der Nutzung von KI sowie wirksame Richtlinien“. Dadurch sollen geschlossene Rückkopplungsschleifen erkannt und durch politische oder technische Maßnahmen unterbunden werden.
Wenn es in der Geschichte der Menschheit irgendeinen technischen Entwicklungsbereich gegeben hat, der fast völlig frei von Transparenz war, dann ist es die KI-Entwicklung. Genau wie bisher werden sich Unternehmen wie Meta, Anthropic oder OpenAI wohl auch künftig weder in die Karten schauen noch reglementieren lassen. Warum sollten sie auch? Ihre Sprachmodelle sind weit verbreitet und ihr Einfluss ist groß.
Auch auf der Nutzerseite von KI ist Transparenz nicht wirklich erwünscht. Sich von der KI beim Schreiben unterstützen zu lassen, wird immer stärker zum Tabuthema. Schon heute werden Menschen deswegen stigmatisiert. Sie gelten als fauler und weniger kompetent, wie verschiedene Studien zeigen1, 5, 6. Besonders Schreibprofis verschweigen eine Co-Autorschaft der KI lieber, als dass sie damit hausieren gehen. Schließlich geht es um ihre berufliche Kernkompetenz. Fragt man bei Autoren oder Journalistinnen nach, heißt es deshalb schnell: „Mein Text ist hundertprozentig KI-frei“ – selbst, wenn jeder Absatz „KI“ nur so schreit. Vergleichbares zeigt sich beim Projektbericht oder neuesten Positionspapier in Unternehmen: Hier stammt selbstverständlich jedes Wort aus der Feder des zuständigen Mitarbeiters. Die KI wurde (wenn überhaupt) nur zu Recherche-Zwecken bemüht. Ehrlich!
Kurzum: Mehr Transparenz in der Entwicklung und Nutzung von KI ist (und bleibt) ein frommer Wunsch. Um überhaupt einen spürbaren Einfluss auf Sprache und Kultur erzielen zu können, müsste sich eine deutliche Mehrheit der KI-Anbieter sowie der institutionellen und privaten Nutzer zu einem solchen Transparenzvorhaben bekennen. Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr.
Zum Kopieren wird niemand gezwungen
Letztlich erstaunt es, dass ausgerechnet aus der Bildungsforschung kein realistischerer Lösungsvorschlag für die drohende Sprachapokalypse kommt. Dabei liegt eine Lösung förmlich auf der Hand. Folgt man der Studie aus Berlin, lässt sich ein Sprachkollaps nur vermeiden, wenn wir den geschlossenen Regelkreislauf sich selbst kontaminierender KI-Daten an irgendeiner Stelle unterbrechen. Funktioniert das auf der Entwicklungsseite nicht, bleibt nur die Nutzungsseite: Ob in Schule, Ausbildung, Studium oder Beruf, beim Umgang mit der KI braucht es die goldene Regel, dass kein Satz der KI direkt übernommen wird. Cheating per „copy and paste“ ist tabu. Das gilt es an jeder Stelle von Bildung oder Ausbildung zu vermitteln und auch zu kontrollieren.
Sobald nämlich die KI-typischen Sprachmuster (Antithesen, Dreiklänge etc.) einen grundsätzlichen KI-Verdacht erregen, ist jeder von uns wieder gezwungen, nachzudenken, bevor er Worte zu Papier bringt. Bisher war das selbstverständlich. Vor dem Text stand das Nachdenken. Eigentlich. Mit KI als Ghostwriterin läuft das eigene Hirn allerdings auf Sparflamme. Damit hier wieder ein helles Licht brennt, muss der Output der KI auch sprachlich geprüft werden. Satz für Satz. Aussage für Aussage. Warum braucht es z. B. an dieser Stelle einen Dreiklang? Welche Aufgabe erfüllt an jener Stelle eine Antithese? Wie belastbar ist die Floskel: „Die eigentliche Frage lautet …“?
Ein solcher Ansatz lässt sich schon früh in der Schule vermitteln. Er muss zum selbstverständlichen Teil von AI-Literacy werden. Lehrer:innen und Dozent:innen können das überprüfen. Dafür braucht es nicht mal Software. Ein geschultes Auge reicht aus. Wer einmal für die klassischen Muster der KI sensibilisiert ist, sieht sofort, wo maschinelle Textpassagen eins zu eins übernommen wurden. Und ja, die Muster wieder zu entfernen oder gleich selbst zu formulieren, ist und bleibt mit Arbeit verbunden. Aber die hat es immer schon gebraucht, um Texte erstellen und verstehen zu können. So gesehen, ist der schlechte Stil der KI eigentlich ein guter Ansatz, um wieder über Worte und Sprache nachzudenken. Junge Menschen brauchen ein grundsätzliches Gespür dafür. Deshalb ist es auch ein wichtiger Bildungsauftrag vor allem an die Schulen: AI Literacy braucht Literalität als Grundlage für alle anderen Fächer und Disziplinen – weil wir nur so Wissen erwerben.
Wer dann trotzdem noch KI-Texte kopiert, ob privat oder im Beruf, der fällt natürlich auf. Die Ansammlung typischer KI-Muster ist in der Regel ein untrügliches Zeichen. Gut möglich, dass in diesem Punkt künftig auch eine Zweiklassengesellschaft entsteht. Das aber ist nicht wirklich ein Problem. Denn die Entscheidung, auf welcher Seite man steht, ist freiwillig. Niemand wird mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen, KI-Texte zu kopieren und das Ergebnis als eigenes Werk auszugeben. Wer die sprachliche Holzklasse als stigmatisierend empfindet, kann jederzeit wechseln. Und wer beim Stichwort Stigmatisierung moralisch-ethische Bedenken bekommt, sollte überlegen, was denn das kleinere Übel ist – die mögliche Stigmatisierung von KI-Kopierern oder der Zusammenbruch unserer sprachlichen Vielfalt und Kultur?

