Kommunikation, Künstliche Intelligenz, Wissenschaft

Wie durch KI Kompetenzen schwinden

KI erleichtert uns die Arbeit. Es sind vor allem die zeitraubenden und ungeliebten Aufgaben, die wir am liebsten für immer abgeben würden. Zu den ungeliebten Aufgaben, die sich gut delegieren lassen, zählen auch viele kognitive Leistungen. Künstliche Intelligenz recherchiert für uns, fasst Texte zusammen, entwirft Konzepte und Strategien, analysiert und interpretiert Unternehmensdaten oder erstellt uns den nächsten Projektbericht. Wir müssen also nicht mehr lesen, nicht mehr schreiben und nicht mehr analytisch denken. Zumindest nicht in dem Umfang, wie wir es bisher gewohnt waren. Das hat Folgen.

Eine wachsende Anzahl empirischer Studien zeigt, dass grundlegende Kompetenzen verkümmern (oder gar nicht erst erworben werden), wenn wir zu viele kognitive Aufgaben an generative KI-Systeme abgeben (Cognitive Offloading). Der Kompetenzschwund („Skills Atrophy“) geschieht vor allem in Bereichen, in denen Kreativität, Problemlösefähigkeit oder kritisches Denken gefordert sind:

  • Verlust kritischen Denkens: Eine gemeinsame Studie der Carnegie Mellon University und Microsoft zeigt, dass KI-Tools unsere kognitiven Fähigkeiten mindern, wenn sie zu häufig eingesetzt werden. Wer Aufgaben wie Problemlösung, Analyse oder Brainstorming an die KI auslagert, schwächt seine Fähigkeit zum kritischen Denken.
  • „Skills Atrophy“ in der Arbeitswelt: Eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) warnt, dass intensives „Cognitive Offloading“ an KI dazu führt, dass Beschäftigte Fähigkeiten verlieren, die sie zuvor bereits aufgebaut haben. Werden zu viele kognitive Leistungen delegiert, resultiert daraus ein Teufelskreis: Wenn KI zunehmend die eigene Arbeit übernimmt, sinkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten – was die Abhängigkeit von der KI weiter erhöht.
  • Unterschiede nach Erfahrungsgrad: Die Gefahr ist besonders hoch für Lernende („Novizen“), die grundlegende Fähigkeiten erst noch aufbauen müssen. Delegieren sie diese direkt an die KI, werden sie die Fähigkeiten auch nie vollständig erlernen. Nach einer Umfrage der Swiss Business School ersetzt KI besonders bei jüngeren Nutzern viele Bereiche der eigenen Arbeit/Aufgaben, statt sie zu ergänzen. Daraus resultiert eine kognitive Schuld („Cognitive Dept“), die über die KI-Nutzung hinaus bestehen bleibt.
  • Auswirkung auf das Lernen: Schüler:innen und Studierende, die sich zu stark auf ChatGPT verlassen, fällt es z. B. schwer, eigene Argumentationsfähigkeiten zu entwickeln. Die Nutzung von KI als „Abkürzung“ führt dazu, dass Lernende sich nicht mehr kritisch mit den fachlichen Inhalten in Schule oder Hochschule auseinandersetzen.
  • Kognitive Überforderung durch Metakognition: Eine weitere Microsoft-Studie deutet darauf hin, dass der „Management-Job“, also die Überwachung der KI-Ergebnisse (Metakognition), für viele Menschen kognitiv so anspruchsvoll ist, dass sie die inhaltliche Qualität nicht mehr prüfen. Sie nicken sie nur noch ab.

Künstliche Intelligenz ist ein mächtiges Werkzeug ist. In genau dieser Wirkmacht liegt aber die Gefahr, dass wir (aus Zeitmangel oder reiner Bequemlichkeit) zu viele kognitive Tätigkeiten an die KI abgeben. Wir überlassen ihr Aufgaben, die eigentlich unsere Kreativität, unsere Intuition und kritisches Denken erfordern. Je häufiger und umfassender wir das tun, umso mehr verkümmern unsere kognitiven Fähigkeiten. Das betrifft viele Bereiche wie Sprachverständnis und Sprachnutzung, Abstraktionsvermögen, logisch-konzeptionelles Denken, Urteilsvermögen, Aufmerksamkeit und Fokus, Wissenserwerb, Kreativität usw. Wer sich diese Fähigkeiten trotz – oder gerade mit – KI erhalten will, muss sie trainieren. Dazu braucht es einen reflektierten und kritischen Umgang mit KI. Genau das ist aber auch die Grundlage, um mit generativer KI überhaupt erfolgreich und kompetent arbeiten zu können. Wer KI hingegen nur als „Abkürzung“ oder Arbeitserleichterung nutzt, wird zum „unkritischen Abnicker von mittelmäßigen KI-generierten Inhalten“.