{"id":1792,"date":"2026-05-17T17:35:54","date_gmt":"2026-05-17T15:35:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.elbetext.blog\/?p=1792"},"modified":"2026-05-17T18:07:36","modified_gmt":"2026-05-17T16:07:36","slug":"des-kisers-neue-kleider","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.elbetext.blog\/?p=1792","title":{"rendered":"Sprache in neuem Gewand"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1812\" aria-describedby=\"caption-attachment-1812\" style=\"width: 900px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.elbetext.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Des-Kaisers-neue-Kleider_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1812\" src=\"https:\/\/www.elbetext.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Des-Kaisers-neue-Kleider_1.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"503\" srcset=\"https:\/\/www.elbetext.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Des-Kaisers-neue-Kleider_1.jpg 900w, https:\/\/www.elbetext.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Des-Kaisers-neue-Kleider_1-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.elbetext.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Des-Kaisers-neue-Kleider_1-768x429.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1812\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"color: #999999;\">Originalbild von Ivo Kruusam\u00e4gi<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong>Frei nach Hans Christian Andersen:<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Vor vielen Jahren lebte ein Volk, das so ungeheuer viel auf neue Sprachkleider hielt, dass es all sein Geld daf\u00fcr ausgab, um rhetorisch recht geputzt zu sein. Es k\u00fcmmerte sich nicht ums Schreiben, es k\u00fcmmerte sich nicht ums Lesen und liebte es nicht, sich mitzuteilen, au\u00dfer um sich und seine neuen Kleider zu zeigen.\u00a0Es hatte ein schlaues Spr\u00fcchlein f\u00fcr jede Stunde des Tages.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">In dem Land, in dem es wohnte, ging es sehr munter her. Eines Tages kamen Betr\u00fcger, die gaben sich als Schriftgelehrte aus und sagten, dass sie die sch\u00f6nsten Worte, die man sich denken k\u00f6nne, zu weben verstanden. Nicht nur, dass deren Farben und Muster ungew\u00f6hnlich sch\u00f6n seien. Die Texte, die von diesem Zeuge gen\u00e4ht w\u00fcrden, sollten auch die wunderbare Eigenschaft besitzen, dass sie f\u00fcr alle Menschen hohl und bedeutungslos kl\u00e4ngen, die unverzeihlich dumm seien.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201eDas w\u00e4ren ja pr\u00e4chtige Texte\u201c, dachte sich das Volk. \u201eWenn man solche h\u00e4tte, lie\u00dfen sich die Klugen von den Dummen unterscheiden!\u201c So gab es den Betr\u00fcgern viel Handgeld und Ressourcen, damit sie ihre Arbeit beginnen sollten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die stellten auch gleich in jeder Stube Webst\u00fchle auf und taten, als ob diese arbeiteten. Doch es war nicht das Geringste auf den St\u00fchlen. Trotzdem verlangten sie viel Geld, viel Energie und vom Volk alle Daten. Sie f\u00fcllten sich damit die eigenen Taschen und lie\u00dfen die leeren Webst\u00fchle arbeiten bis sp\u00e4t in die Nacht hinein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201eNun m\u00f6chten wir doch wissen, wie weit sie mit den Worten sind\u201c, sagten sich die Leute. Aber es war ihnen beklommen zumute, wenn sie daran dachten, dass keiner, der dumm sei, diese sehen und verstehen k\u00f6nne. Also wollten sie erst andere senden, um zu schauen, wie es mit der Arbeit stehe. \u201eWir schicken unsere besten Zukunfts- und Digitalexperten zu den Webern\u201c, sagte das Volk. \u201eSie k\u00f6nnen am besten beurteilen, wie der Sprachstoff sich ausnimmt. Denn sie haben Verstand \u00a0und keiner versieht sein Amt besser als sie.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">So gingen die Experten zu den Betr\u00fcgern, die an den leeren Webst\u00fchlen arbeiteten. \u201eGott beh\u00fcte uns\u201c, dachten sie und rissen die Augen auf. \u201eWir k\u00f6nnen ja nichts erblicken!\u201c Aber das sagten sie nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die Betr\u00fcger baten sie, n\u00e4her zu treten und fragten, ob es nicht h\u00fcbsche Sprachmuster und sch\u00f6ne Klangfarben seien. Dann zeigten sie auf die leeren St\u00fchle, und die armen Experten fuhren fort, die Augen aufzurei\u00dfen. Aber sie konnten nichts sehen, denn es war nichts da. \u201eHerrgott\u201c, dachten sie, \u201esollten wir dumm sein? Das haben wir nie geglaubt und das darf kein Mensch wissen! Nein, es geht nicht an, dass wir erz\u00e4hlen, wir k\u00f6nnten das Zeug nicht sehen!\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">&#8222;Nun, Sie sagen nichts dazu?&#8220;, fragte einer der Weber. &#8222;Oh, es ist gro\u00dfartig, so zukunftsf\u00e4hig und digital&#8220;, antworteten die Experten und sahen noch genauer hin. \u201eDiese Muster und diese Farben! \u2013 Ja, wir werden dem Volk sagen, dass es uns sehr gef\u00e4llt!&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201eNun, das freut uns&#8220;, sagten die Betr\u00fcger. Darauf benannten sie die Farben mit Namen und erkl\u00e4rten die seltsamen Muster. Die Experten merkten gut auf, damit sie dasselbe sagen k\u00f6nnten, wenn sie zum Volk zur\u00fcckk\u00e4men. Und das taten sie auch.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Nun verlangten die Betr\u00fcger noch mehr Geld, noch mehr Energie und noch mehr Daten zum Weben. Sie steckten alles in die eigene Tasche. Auf den Webstuhl kam kein Faden, aber sie fuhren fort, wie bisher an den leeren St\u00fchlen zu arbeiten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das Volk sandte bald wieder t\u00fcchtige Leute aus, um zu sehen, wie es mit dem Weben stehe und ob das Zeug bald fertig sei. Es ging diesen aber gerade wie den ersten. Sie guckten und guckten; weil aber au\u00dfer den Webst\u00fchlen nichts da war, konnten sie nichts sehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201eIst das nicht ein ganz besonders pr\u00e4chtiges und h\u00fcbsches St\u00fcck Zeug?&#8220; fragten die Betr\u00fcger und zeigten und erkl\u00e4rten die pr\u00e4chtigen Muster, die gar nicht da waren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201eDumm sind wir nicht\u201c, dachten die Experten. \u201eEs ist also unser gutes Amt, zu dem wir nicht taugen. Das w\u00e4re seltsam genug, aber das muss man sich nicht anmerken lassen.\u201c Daher lobten sie das Zeug, das sie nicht sahen, und versicherten ihre Freude \u00fcber die sch\u00f6nen Farben und die herrlichen Muster. \u201eJa, es ist ganz allerliebst&#8220;, sagten sie zum Volk, \u201eund so zukunftsf\u00e4hig.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Nun wollte es ein jeder auch selbst sehen. In Scharen str\u00f6mten die Menschen an die Webst\u00fchle und sahen, wie die listigen Betr\u00fcger aus allen Kr\u00e4ften webten, aber ohne Faser oder Faden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201eJa, ist das nicht pr\u00e4chtig?&#8220;, sagten die vielen Digitalberater und Zukunftsexperten und zeigten auf die leeren Webst\u00fchle, denn sie glaubten, dass die andern das Zeug wohl sehen k\u00f6nnten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201eWas!\u201c, dachten aber die Leute, \u201eWir sehen gar nichts! Das ist ja schrecklich! Sind wir dumm? Taugen wir nicht f\u00fcr die Zukunft? Das w\u00e4re das Schrecklichste, was uns passieren k\u00f6nnte.\u201c \u201eOh, es ist sehr h\u00fcbsch&#8220;, sagten sie also. &#8222;Es hat unseren allerh\u00f6chsten Beifall!&#8220; Und sie nickten zufrieden und betrachteten die leeren Phrasen. Sie wollten nicht sagen, dass sie nichts sehen und nichts verstehen konnten. Ein jeder sah und sah, aber bekam nicht mehr heraus als all die andern. Und so sagten sie: \u201eOh, das ist h\u00fcbsch!\u201c und beschlossen, die pr\u00e4chtigen Sprachkleider fortan bei jedem Anlass zu tragen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201eSie scheinen so bedeutsam, gelehrt und zukunftsf\u00e4hig!&#8220;, ging es von Mund zu Mund, und man war allerseits innig erfreut dar\u00fcber. Die Politik verlieh jedem der Betr\u00fcger Macht, Einfluss und ein Ritterkreuz, um es in das Knopfloch zu h\u00e4ngen, und den Titel Zukunftsmacher.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die Betr\u00fcger hoben ihre Arme in die H\u00f6he, gerade, als ob sie etwas hielten, und sagten: \u201eSeht, hier sind eure Sprachkleider, hier sind die Worte, hier sind die Texte! Sie sind leicht wie Worth\u00fclsen. Man sollte glauben, man habe nichts im Kopfe, aber das ist gerade die Sch\u00f6nheit dabei! \u201eJa!&#8220;, sagte das Volk, aber es konnte nichts sehen, denn es war nichts da.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die Leute legten ihre eigene Sprache ab, und die Betr\u00fcger stellten sich, als ob sie ihnen Wort f\u00fcr Wort neue Kleider anzogen, die fertig gen\u00e4ht sein sollten, und ein jeder wendete und drehte sich vor dem Spiegel.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201eEi, wie gut sie kleiden, wie herrlich sie sitzen&#8220;, sagten alle. \u201eWelche Sprachmuster, welche Klangfarben! Das sind recht kostbare Werke!&#8220; Keiner wollte es sich merken lassen, dass er nichts sah. Denn dann h\u00e4tte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder w\u00e4re sehr dumm gewesen. Keine Worte waren je so zukunftsf\u00e4hig gewesen wie diese.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201eAber ihr habt ja gar nichts an!&#8220;, sagten endlich die jungen Menschen. \u201eH\u00f6rt die Stimmen der Unschuld!&#8220;, sagte ein Vater. Und der eine zischelte dem andern zu, was die Jungen \u00a0gesagt hatten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das ergriff die Menschen, denn die Jungen schien recht zu haben. Aber sie dachten bei sich: \u201eNun m\u00fcssen wir es aushalten.\u201c Und so hielten sie sich gegenseitig die Schleppen, die gar nicht da waren.<\/span><\/p>\n<div class=\"shariff\"><ul class=\"shariff-buttons theme-default orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button bluesky shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#84c4ff\"><a href=\"https:\/\/bsky.app\/intent\/compose?text=Sprache%20in%20neuem%20Gewand https%3A%2F%2Fwww.elbetext.blog%2F%3Fp%3D1792 \" title=\"Bei Bluesky teilen\" aria-label=\"Bei Bluesky teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#0085ff; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"20\" height=\"20\" version=\"1.1\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 20 20\"><path class=\"st0\" d=\"M4.89,3.12c2.07,1.55,4.3,4.71,5.11,6.4.82-1.69,3.04-4.84,5.11-6.4,1.49-1.12,3.91-1.99,3.91.77,0,.55-.32,4.63-.5,5.3-.64,2.3-2.99,2.89-5.08,2.54,3.65.62,4.58,2.68,2.57,4.74-3.81,3.91-5.48-.98-5.9-2.23-.08-.23-.11-.34-.12-.25,0-.09-.04.02-.12.25-.43,1.25-2.09,6.14-5.9,2.23-2.01-2.06-1.08-4.12,2.57-4.74-2.09.36-4.44-.23-5.08-2.54-.19-.66-.5-4.74-.5-5.3,0-2.76,2.42-1.89,3.91-.77h0Z\"\/><\/svg><\/span><span class=\"shariff-text\">teilen<\/span>&nbsp;<\/a><\/li><li class=\"shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#563ACC\"><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=Sprache%20in%20neuem%20Gewand https%3A%2F%2Fwww.elbetext.blog%2F%3Fp%3D1792\" title=\"Bei Mastodon teilen\" aria-label=\"Bei Mastodon teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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